Im Bewertungswettbewerb

Es ist wieder Wettbewerbssaison bei den Toastmasters und im Frühjahr wird auch das Bewerten als Wettbewerb ausgetragen. Wie gewinnt man also einen Bewertungswettbewerb? Über die Jahre, in denen ich selbst teilgenommen habe, zugehört habe oder Preisrichterin war, bin ich zu dem Schluss gekommen: Es ist die Menge der Empfehlungen, die zählt.

Damit demonstriert man analytische Stärke und die macht zusammen mit den Empfehlungen selbst 70% im Bewertungsbogen aus. Ich glaube, es beeindruckt auch einfach die Preisrichter. Zudem sind die Zielredner bei den höheren Wettbewerben oft sehr erfahren und profitieren eher von einer Fülle von Verbesserungsvorschlägen, brauchen aber weniger Ermutigung und Motivation.

Die Struktur der Bewertungsrede darf ruhig etwas spärlich ausfallen: nach einigen freundlichen Worten am Anfang kommt die Liste der Empfehlungen, die am Ende zusammengefasst werden. Übrigens: 15% der Punkte werden für die Zusammenfassung vergeben und die sollte kein Wettbewerber verschenken.

Viel Zeit bleibt nicht, um Gelungenes zu würdigen, allerdings auch nicht, um um die Kritikpunkte drumrumzureden. Positiv und konstruktiv wird die Bewertung dadurch, dass man sich gleich auf die Empfehlungen konzentriert, anstatt Fehler zu erläutern.

Insgesamt ein Trainnig für Schnelligkeit, scharfes Nachdenken und präzisen Ausdruck. Auch diese Randdisziplin kann Spaß machen!

Sagen, was Sache ist.

Was mache ich nun mit den unangenehmen Wahrheiten? Diese Art von Wahrheiten sind deshalb unangenehm, weil wir die Wertung schon im Kopf haben. Und wir wissen genau, dass keiner hören will: „Das war schlecht, das war unpassend, das war langweilig.“

Da hilft es, noch einmal einen Schritt zurückzugehen und sich zu fragen, was eigentlich passiert ist. Was habe ich gehört, was habe ich gesehen?  Denke ich: „Na, der war ja ganz schön nervös“, sollte ich überlegen, woran ich das festgemacht habe. Hände zittern? Röte im Gesicht? Ein unruhiger Blick? Verhaspeln beim Sprechen? Diese beobachtbaren Fakten kann ich in einfachen, neutralen Worten wiedergeben: „Deine Hände haben gezittert und das Blatt, das Du in der Hand hattest, hat geraschelt.“

Jetzt ist der Zeitpunkt, weiter zu fragen: „Wie hat das auf mich gewirkt? Was hat das mit mir gemacht?“ Schließlich spreche ich hier kein allgemeingültiges Urteil, sondern bringe meinen ganz persönlichen Eindruck zum Ausdruck: „Das hat auf mich nervös gewirkt und das Blätterrascheln hat mich gestört.“

Die Trennung von Beobachtung und Wertung gibt dem Empfänger die Möglichkeit, das Beobachtete anders zu interpretieren und doch die Fakten anzuerkennen. „Ich war gar nicht nervös, aber ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen und deswegen zittrige Hände. Jetzt weiß ich, dass das nervös wirken kann.“

Das Ausdrücken der subjektiven Einschätzung, der Wirkung die der Redner auf mich gemacht hat, erleichtert dem Redner wiederum den Umgang mit dem Feedback. Es ist nur bei einem so angekommen, vielleicht sehen die anderen es anders. Andererseits kommt der Redner um diese Meinung auch nicht herum. Man kann sich streiten darüber, ob der Redner nervös wirkte oder nicht, ob das Rascheln gestört hat oder nicht. Aber dass es mich persönlich gestört hat, kann keiner wegdiskutieren.

So werden unangenehme Wahrheiten zu Beobachtungen, zu denen jemand seine Interpretation anbietet. Als Rednerin habe ich oft solche Bewertungen erleben dürfen. Danke!

Stegreif-Bewertungen

Normalerweise haben wir im Toastmasters Club ca. 10-30 min., um uns auf die Bewertung einer Rede vorzubereiten. Den ultimativen Adrenalinschub und ein gutes Mittel zum Üben hat man jedoch mit den  Stegreifbewertungen.

Das funktioniert so: nach einer Stegreifrede wird sofort ein Bewerter aufgerufen, der in ca. 30s eine Bewertung der vorangegangenen Stegreifrede abgibt. Da das sehr kurz ist, ist die Vorgabe an den Bewerter, nur einen Punkt zu nennen, der ihm gefallen hat, sowie einen Verbesserungsvorschlag zu machen.

Vorteile dieses Verfahrens sind:

  • Es können in kurzer Zeit viele Bewerter dran kommen.
  • Die Stegreifredner und -rednerinnen bekommen auch Feedback.
  • Wird der Bewerter nicht vor der Rede festgelegt, hören alle wie ein Bewerter zu.

Durch die Beschränkung auf die zwei Punkte vermeidet man Aufzählungen: „Mir gefiel Dein Einstieg, den Blickkontakt fand ich gut, auch die Stimme und Deine Gestik…“ Stattdessen muss der Bewerter entscheiden, was der wichtigste Punkt war – der kann dann aber auch ein wenig vertieft werden und der Betroffene kann besser verstehen,  was an dem genannten Punkt nun so gut war.

Natürlich kann man auch Varianten dazu einsetzen z.B. den Rede-Bewertern auf diese Weise ein Feedback zu geben. Wem der Stress durch das Vorher-nicht-Bescheid-Wissen zu groß ist, der kann die Kurz-Bewerter auch vorher festlegen. Es soll aber Clubs geben, wo es auch dafür immer Freiwillige gibt🙂

Einfach mal ausprobieren!

Sandwich-Technik für Fortgeschrittene

Wer kennt sie nicht, die Sandwich-Technik: wenn Du Feedback zu einer Rede gibst, verpacke die unangenehmen Wahrheiten zwischen positiven Rückmeldungen. Leider ergibt das manchmal trotzdem einen schwer verdaulichen Fleischklops zwischen pappigem Toastbrot.

Meine Sandwich-Technik geht so: beginne positiv und ganz konkret. Statt einem pauschalen „Glückwunsch zu Deiner tollen Rede“ könnte es z. B. heißen: „Dein erster Satz hat mich gleich in den Bann gezogen, denn er hat mich erinnert an…“. Ein ehrlich gemeintes, konkretes Kompliment ist wie eine geröstete Toastbrotscheibe mit leckerer Remoulade drauf.

Dann geht es zur Sache: was hat gut funktioniert in der Rede und warum? Wovon können andere lernen? Was lohnt sich besonders herauszustellen? Was hat weniger gut funktioniert oder ist richtig schiefgegangen? Was würde den Redner oder die Rednerin jetzt wirklich weiterbringen? An die Antworten auf diese Fragen muss Fleisch ‚ran: Klar machen, um welche Passagen es genau geht, die Wirkung deutlich beschreiben und konkrete Verbesserungen vorschlagen – das sorgt für einen saftigen und nährenden Mittelteil in unserem Sandwich.

Jetzt ist der Boden bereitet für den motivierenden Abschluss: Wie kann ich mir die Person noch wirkungsvoller vorstellen? Welche verborgenen Talente sehe ich? Was glaube ich, wie sie sich entwickeln kann? Und was bedeutet das dann für sie, was kann sie damit erreichen? Ich male ihr meine Vision aus und ermutige sie, den nächsten Schritt zu gehen. Zum Abschluss kommen damit Salz und Pfeffer und jede Menge frischer Gewürze auf das Fleisch.

Und die zweite Toastscheibe? Die kann ich einfach für den nächsten Sandwich aufheben…